Die kranke Schilddrüse >
< Das schwache Herz
06.11.2013 10:37 Kategorie: Aktuelles

Vielen niedersächsischen Krankenhäusern droht das Aus


Chefs der Krankenhäuser in der Region Osnabrück erläuterten die Zwei-Drittel-Kampagne.

Demonstration durch die Osnabrücker Innenstadt am 16. November 2013

Osnabrück. Zwei Dritteln der Krankenhäuser Niedersachsens droht das Aus. Mittlerweile schreibt der größte Teil rote Zahlen, rund zwei Drittel der Krankenhäuser sind bereits mittelfristig in der Existenz bedroht.

 „Können diese Kliniken trotz aller Anstrengungen nicht die Gewinne erwirtschaften, die sie für ihre Investitionen benötigen, ist das kein Managementfehler, sondern ein Fehler im Finanzierungssystem“, sagte Michael Winkler (Christliches Kinderhospital Osnabrück). Sollte sich daran nichts ändern, drohe manchen Häusern der Region die Schließung von Abteilungen oder gar ganz das Aus.

Zentrale Forderungen sind laut Winkler eine echte Reform der Krankenhausfinanzierung sowie eine angemessene Berücksichtigung der Personal- und Sachkostensteigerungen.

Krankenhäuser würden seit 2003 durch Fallpauschalen vergütet, erläuterte Werner Lullmann (Niels-Stensen-Kliniken) auf einer Pressekonferenz der meisten Krankenhausträger der Region. Das habe dazu geführt, dass die Vergütungen für Leistungen nicht mit den Personalkosten mithalten und eine Differenz von sieben Prozent entstanden ist: "Allein unsere Personalkosten steigen stärker als die Vergütungen, die wir für unsere Leistungen erhalten". Die Häuser seien daher ständig gezwungen, anzupassen. Im Personalbereich heiße dies, kontinuierlich mit weniger Personal klarzukommen. „Wir brauchen eine echte Reform der Krankenhausfinazierung“, so Lullmann. Bisher seien immer nur Löcher gestopft worden, „wir leben von der Hand in den Mund. Wir fordern eine langfristige Sicherung der Krankenhausfinanzierung, und dass die Personal- und Sachkosten abgedeckt sind“. Zudem müsse die Investitionskostenfinanzierung gesichert sein. Eine faire Neuberechnung der Fallpauschalen sei notwendig, damit die Zukunft der niedersächsischen Krankenhäuser und damit die lückenlose und hochwertige medizinische Versorgung gesichert werden könne.

Der durch das Vergütungssystem auferlegte Sparzwang finde auf dem Rücken der Beschäftigten in den Krankenhäusern statt, sagte Dr. Michael Böckelmann (Schüchtermann-Klinik). Das Budget sei gedeckelt. Die Krankenhäuser müssten mit weniger Personal mehr leisten und das steigere die Arbeitsbelastung und mache den Beruf unattraktiver. Besonders stark sei das bei Pflegekräften zu spüren. Dr. Böckelmann forderte, verträgliche Arbeitsbedingungen wiederherzustellen und die Ausbildung von Fachkräften zu fördern.

Thomas Fehnker (Klinikum Osnabrück) sprach über die Investitionskostenfinanzierung der Krankenhäuser. Die einzelnen Bundesländer haben laut Fehnker die gesetzliche Verpflichtung, für eine ausreichende Ausstattung der Krankenhäuser mit finanziellen Mitteln für Bau und Erhalt der Substanz der Krankenhäuser zu sorgen. Dieser Verpflichtung komme Niedersachsen nicht ausreichend nach. Der momentane Investitionsstau betrage rund eine Milliarde Euro. Von den rund 200 Häusern würden jährlich nur rund 25 gefördert. Die Substanz der Häuser altere aber weiter. „Wir brauchen eine höhere Fördersumme“, so Fehnker: „Und wir fordern eine Vollfinanzierung der Investitionen, damit wir das Geld nicht aus den laufenden Betriebsmitteln nehmen müssen.“

Auch psychiatrische Krankenhäuser seien vom Finanzierungssystem betroffen, machte Prof. Dr. Jens Bothe (AMEOS) deutlich: „Wir beteiligen uns nicht nur aus Solidarität an der Protestaktion, sondern sehen auch, dass das neue Entgeltsystem der Psychiatrie viele Fehler haben wird.“ Die Psychiatrie steuere auf eine schwierige Situation zu, da neuerdings auch in den psychiatrischen Krankenhäusern das Fallpauschalensystem eingeführt werde. Kein Land der Welt habe eine Pauschalisierung in der Psychiatrie, wie in Deutschland.

Unterstützt wird die Kampagne in Osnabrück mit einer großen Demonstration durch die Innenstadt, zu der Krankenhausträger der Region Osnabrück aufrufen. Die Demo wird am Samstag, den 16. November um 10.30 Uhr vor dem Christlichen Kinderhospital Osnabrück starten und mit einer kurzen Abschlusskundgebung auf dem Domplatz enden. Alle Bürgerinnen und Bürger, denen der Erhalt der Krankenhausversorgung am Herzen liegt, sind eingeladen, an der Demonstration teilzunehmen.

Zeitgleich werden auf dem Domplatz drei überdimensionale Türen platziert, von denen lediglich eine offen steht. Dadurch wird das Thema 2DRITTEL für die anwesenden Bürger am eigenen Leib spürbar: Was wäre, wenn 2DRITTEL der Krankenhäuser in unserer Region plötzlich geschlossen wären? Die "Tage der geschlossenen Tür" finden im Oktober und November in den Innenstädten vieler niedersächsischer Städte statt.