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16.06.2014 11:02

Sucht im Alter - Integriertes Konzept für Generation 60+ am Klinikum Osnabrücker Land


Georgsmarienhütte.

Sucht kennt keine Grenzen – auch nicht die des Alters. In Deutschland sind laut der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen e.V. (DHS) rund 400.000 über 60-jährige Menschen alkoholsüchtig. Bis zu 2,8 Millionen ältere Menschen nehmen nach Schätzungen zu viele psychoaktive Medikamente wie Schlaf-, Schmerz- oder Beruhigungsmittel ein.

Einer Studie des Bundesgesundheitsministeriums zur Folge sind rund 14 Prozent der Menschen, die von ambulanten Pflegediensten oder in stationären Einrichtungen betreut werden, alkohol- oder medikamentenabhängig.

Sucht ist ein Tabuthema. Sucht im Alter ebenfalls – hinzukommt, dass das Ausmaß einer Suchterkrankung bei älteren Menschen oft unterschätzt oder nicht richtig ernstgenommen wird, frei nach dem Motto: „Lass dem Opa doch sein Schnäpschen.“ Eine Sucht wird daher bei älteren Menschen selten oder oft erst sehr spät erkannt.

Konzepte für 60+ Generation 

Die Suchthilfeverbände in Deutschland plädieren daher für eine Sensibilisierung der Öffentlichkeit für das Thema „Sucht im Alter“. Mitarbeitende in Sucht- und Altenhilfe sollten gezielt auf die Bedürfnisse der älteren Zielgruppe geschult werden. Das beinhalte auch den professionellen Umgang mit Suchtproblematiken in diesem Alterssegment.

Im Suchtkompetenzzentrum Georgsmarienhütte und in der Fachklinik Haus Möhringsburg wurde ein integriertes Konzept für die Altersgruppe ab 60 entwickelt. „Wir bieten Menschen nach dem Erwerbsleben und nach der Familienphase eine auf ihre Lebenssituation zugeschnittene Beratung oder vorübergehende Begleitung an“, erklären Martina Tranel und Manuela Stumpe, Suchttherapeutinnen der Rehabilitationsabteilung. „Und wir informieren sie über das Therapieangebot in der Region“, so Tranel weiter.

 

Auch alte Menschen sind suchtgefährdet

Sucht im Alter hat viele soziale Gründe. Nach der Rente müssen der Alltag und Tagesablauf komplett neu strukturiert werden. Menschen im Ruhestand können sich nutz- und wertlos vorkommen, weil sie glauben, sie werden nicht mehr gebraucht. Langeweile und ein Gefühl der Sinnlosigkeit machen sich breit.

Im Alter treten vermehrt Krankheiten und körperliche Beschwerden auf, die die Mobilität einschränken. Todesfälle und schwere Krankheitsverläufe im Bekannten- und Freundeskreis nehmen zu und verängstigen. Der Lebenspartner stirbt. „Auch die Gesellschaft steht dem Altern kritisch gegenüber, wodurch Minderwertigkeitsgedanken und Gefühle der Einsamkeit zusätzlich verstärkt werden können“, erklärt Stumpe. 

Ein älterer Mensch ist also so vielen Krisensituationen wie nie zuvor ausgesetzt, Ängste und Depressionen sind oft die Folge.

Alkohol oder Medikamente scheinen hilfreich, weil sie betäuben, aufputschen, Schmerzen nehmen. Probleme driften in die Ferne, Ängste und Sorgen verschwimmen. Die Droge wird zur Konstante in einem Alltag, in dem nichts mehr so ist wie es mal war. 

 

„Die Persönlichkeit eines Menschen ist natürlich auch ausschlaggebend für eine Suchterkrankung“, so Tranel. Wie ist die Person im bisherigen Leben mit Krisensituationen umgegangen? Wie hat sie sich im Arbeitsleben geschlagen, in der Freizeit beschäftigt, was hat sie bei körperlichen Beschwerden und psychischen Belastungen unternommen? Je besser im Vorfeld das Leben gemanagt wurde, desto besser wird es auch im Alter organisiert werden können.

 

Diagnose nicht immer leicht

Bei alten Menschen ist die Sucht schwerer zu erkennen. Oft leben sie alleine oder zunehmend auch in Armut. Scham- und Schuldgefühle halten die Betroffenen zusätzlich zurück, Kontakt nach außen aufzunehmen. Und da keine Verpflichtungen mehr auf dem Plan stehen wie z.B. der Arbeitsalltag, in dem man Leistungen erbringen und funktionieren muss, kann die Sucht versteckt im Kämmerlein und unbemerkt ausgelebt werden.

 

Außerdem sind die Symptome einer Suchterkrankung wie z.B. Gleichgewichtsstörungen, Stürze, Appetitlosigkeit, Gewichtsverlust, Muskelschwäche, starke Stimmungsschwankungen, zunehmende Verwahrlosung, Antriebslosigkeit, Verwirrtheit und Rückzug auch typische Begleiterscheinungen des Alters oder Anzeichen einer Depression oder Demenz.

 

„Bei der Diagnose müssen also die äußeren Hinweise in Kombination betrachtet und richtig interpretiert werden“, sagt Dr. med. Matthias Schubring, leitender Psychiater der Fachklinik. Je früher die Diagnose steht, desto schneller kann der Leidensweg unterbrochen werden.

 

Abstinenz nicht zwingend Ziel

Bei alten Menschen wirkt die Droge aufgrund der reduzierten Körperflüssigkeit und einer verzögerten Abbaugeschwindigkeit des Alkohols wesentlich stärker als bei jüngeren. Die körperlichen Schäden sind daher größer und bedürfen medizinischer und professioneller Behandlung.

 

Bei der Suchttherapie von alten Menschen steht vor allem das Ziel im Vordergrund, dass der Lebensabend in Zufriedenheit und den individuellen Möglichkeiten entsprechend eigenständig sowie weitestgehend körperlich und psychisch stabil verbracht werden kann. Dafür muss nicht zwingend die Abstinenz erreicht werden.

„Die betroffene Person muss jedoch mit professioneller Hilfe dabei unterstützt werden, einen Teil der Eigenkontrolle über die Lebensumstände und über die Sucht zurück zu gewinnen“, meint Stumpe, Bezugstherapeutin der Gruppe für ältere Patienten.

 

Selbsthilfegruppen sind wichtig

Ärzte und Experten wissen viel über die Erkrankung oder die Abhängigkeit, aber nicht, wie es sich damit lebt. Dafür sind die Betroffenen die Experten. In der Selbsthilfegruppe finden sie Gleichgesinnte. Die Zwischenmenschlichkeit gibt Kraft und das gegenseitige Verständnis schafft Selbstvertrauen und Zuversicht, die eigene Situation bewältigen zu können.

 

„Gerade in Zeiten der Krise oder für Menschen, die alleine leben, kann die regelmäßige Gesprächsrunde wieder Halt und Gemeinschaft schaffen“, meint Hans Uwe Andersen, Leiter einer Selbsthilfegruppe für ältere und medikamentenabhängige Menschen.

Und Menschen mit dem gleichen Hintergrund und dem gleichen Leidensweg haben ein viel ausdauerndes Interesse und Verständnis füreinander als Angehörige oder Freunde, die eben nicht wissen, wie es sich ANFÜHLT, abhängig zu sein. Für allein lebende Menschen biete die Selbsthilfegruppe darüber hinaus die Möglichkeit für den Schritt raus aus der Einsamkeit.

 

Kontakt:

Martina Tranel

Dipl. Sozialpädagogin/Dipl. Sozialarbeiterin, Sozialtherapeutin

Stellvertretende Einrichtungsleiterin

Hospitalweg 1

49124 Georgsmarienhütte

Telefon: 05401 338-103

E-Mail

http://www.klinikum-osnabruecker-land.de/start.html

 

 

Selbsthilfegruppe für ältere alkoholkranke und medikamentenabhängige Menschen

Kontakt:

Hans Uwe Andersen

Blumenstr.5

49176 Hilter a.T.W.

T.: 01520 8984 018

 

Wo:

Senioren SHG.

Freundeskreis “Klar Aktiv” f. alkoholkranke u. medikamentenabhängige Menschen

Treff: Im H2O Alkoholfreier Treff

Am Kasinopark 11

49124 Georgsmarienhütte

 

Wann:

2 x im Monat am 1. und 3. Mittwoch

um 09:30 Uhr bis ca. 11-11:30 Uhr